4. Von Berggeistern, Waldwesen und allerlei Wichten

9. Böse und gute Berggeister

79. Anna, die schöne Tochter eines Jägers, begegnete beim Erdbeersuchen wiederholt einem schmucken Jägersmann, der ihr glänzende Geschenke verehrte. Schließlich verlockte er das Mädchen, mit ihm zu kommen. Sie tat es ahnungslos, denn sie wußte nicht, daß es ein verkleideter böser Geist war. Er führte sie in eine große Höhle, die von Edelsteinen funkelte, Bergmädchen wurden ihre Dienerinnen, in wundervollen Gewändern ging sie umher und vergaß die Rückkehr. Voller Kummer über ihr Verschwinden starb der Vater. In köstlicher Kleidung mußte sich Anna an den Höhleneingang setzen, um die vorübergehenden Wanderer an sich zu locken. Die Verführten waren rettungslos verloren. Da ging einmal ihr einstiger Verlobter vorüber, Anna wollte ihn verschonen. Der Berggeist bemerkte es und zerschmetterte den Jüngling an einem Stein. Anna flehte, auch sie zu töten, er verbannte sie aber in den innersten Grund der Berghöhle. Das Höhlenloch wird heute noch in der Nähe eines Steinbruches zwischen Anzenau und Laufen gezeigt.

80. Vor langen Zeiten lebte in der damals noch recht einsamen Gegend von Kreutern eine arme Köhlerswitwe, die eine Tochter hatte. Die Mutter war schwer krank. In der Johannisnacht ging das Kind in den Wald hinaus, um für die kranke Mutter das Lebenskräutlein zu finden. Vom weiten Weg müde, legte es sich in das duftende Gras und schlief rasch ein. Ihm träumte vom Zimnitzgeist und als es erwachte, stand er mit langem, silberweißen Barte vor ihm und winkte dem Mädchen, ihm zu folgen. Sie kamen in eine dunkle Höhle, in der viele Blumenstöcke standen. „Schau“, sagte der Geist und zeigte auf einen Blumenstock, „das ist deine Lebenspflanze, sie hat 18 frische Blätter, von denen jedes ein Lebensjahr bedeutet. Der Blumenstock daneben gehört deiner Mutter, er hat nur mehr 1 Blatt.“ Das gute Mädchen bat ihn, die Blumenstöcke zu vertauschen, obwohl der Berggeist sagte, es müsse nun selber sterben, während die Mutter noch 18 Jahre leben könne. Das Mädchen sah noch, wie der Geist die beiden Pflanzen vertauschte, dann sank es in Betäubung. Als es wieder zu sich kam, befand es sich vor der Felswand, die sich wieder geschlossen hatte. Im Schoß aber hatte es das Lebenskräutlein. Das Mädchen eilte heim und bereitetedaraus der Mutter einen Trank, der rasch wirkte. Die Mutter fühlte sich bald gesund, während die Tochter von dem Tage an immer kränker und schwächer wurde. Als sie schon recht schlecht beisammen war, erschien ihr im Traume der Zimnitzgeist und reichte ihr einen roten Apfel, indem er sagte: „Dein Opfer soll dir vergolten werden!“ Das Mädchen aß den Apfel und wurde gesund.

81. Wo heute die Gießenbachmühle bei Grein auf dem Wege zum Stillen Stein steht, war früher ein armes Gehöft, da lebte die schwerkranke Müllnerin mit ihrer Tochter. Diese erfuhr von einem alten Mann, daß am Wasserfall in der Gießenbachschlucht ein Kraut wachse, das beim Mondschein gebrockt, gegen die Krankheit helfe. Das Kind schlich sich nachts in die Schlucht und kletterte die Felsen hinan zum wilden Gießenbach. Plötzlich stand ein graues Mandl vor ihr und führte sie in den Berg zu einer weißen Frau. Die wollte sie bei sich behalten, das Kind verlangte aber nur das Heilkraut für die Mutter. Das Manderl führte sie wieder hinaus und legte ihr ein Kraut in das Körbchen, dann versank das Mädchen in tiefen Schlaf. Als sie wieder erwachte, war der wilde Bach verschwunden, man hörte ihn nur aus der Tiefe, darüber lag ein mächtiger Stein, über den das Kind aus der Schlucht floh. Von der Mühle kam ihr die Mutter entgegen, die plötzlich gesund geworden war. Als sie das Körbchen aufmachten, lagen Gold und Edelsteine drinnen.

82. Den Krippenstein bedeckten einst saftige Almen, dort hauste der unermeßlich reiche Riese Krippen. Seine wunderschöne Tochter, sein einziges Kind, war blind. Deshalb wagte sie keinen Freier heimzuführen und den Vater bekümmerte schwere Sorge um ihr Los, wenn er einst nicht mehr wäre. In seiner Not rief er den Berggeist, den erbarmte sein Jammer, er erschien ihm als Greis in wallendem Silberhaar, das bis zum Saum des Mantels reichte, gab ihm eine graue Rolle und befahl ihm: „Gehe in der dritten Vollmondnacht auf jene breite Fläche dort, lege die Rolle um deine Schulter, sie wird zum Mantel werden. Nimm deine Tochter auf den Mantel; wenn der Mond über dem Berg steht, wird sie sehen. Doch hüte dich in dieser Zeit ein böses Wort zu sprechen, oder auch nur einen bösen Gedanken zu hegen, sonst wehe allen, die sich im Bereich des Tuches befinden.“

In der festgesetzten Vollmondnacht kam der Riese dem Angebot nach, die Rolle wurde zum weiten, weichen Mantel, in dessen Falten Edelsteine glitzerten. Krippen zog seine Tochter zu sich und wartete still bis der Mond über dem Gipfel stand. Da sah er einen kleinen Mann heranschleichen. Es war der Ritter Däumling, den der Geiz antrieb, um die blinde Braut zu werben. Er sah das funkelnde Edelgestein auf dem Mantel und griff gierig danach. Zornerfüllt stieß der Riese einen Fluch aus und wollte einen Stein nach dem Verwegenen schleudern. Da erfüllte ein Tosen und Donnern die Luft, ein Rutschen und Schwanken folgte. Als die erschreckten Talbewohner aus den Häusern stürzten, sahen sie oben an der Stelle der blühenden Almen wildes Felsengeröll. Noch heute kann man in der Felsgestaltung den Körper des Riesen Krippen erkennen, an seine Schulter gelehnt, schläft die blinde Tochter. In einiger Entfernung ragt der steinerne Däumling auf.

83. Ein Schafbub verlor beim Schafferteich seine Herde. Während er weinend umherirrte und zu einer Höhle kam, stand der Berggeist vor ihm und sagte ihm, wo die Schafe seien. Er ermahnte ihn, ein gutes Leben zu führen und versprach ihm, wenn er brav sei, dürfe er wieder kommen, dann werde er ihm sagen, was das Mittlere in der Nuß bedeute.

Der Knabe fand die Herde an der bezeichneten Stelle, in die Höhle des Berggeistes kam er aber nicht wieder.

84. Wenn die Schwaigdirnen zu Tal gefahren sind, zieht der Alberl, ein Alpengeist, in die verlassenen Hütten, er rächt Übeltaten, verfolgt leichtfertige Schwaigerinnen und verjagt jeden, der in unredlicher Absicht auf die Alm kommt. Nie richtet er Schaden an. Sogar die Milchgeschirre, mit denen er herumrumort, stellte er wieder in Ordnung. Bei der Almabfahrt wird ihm eine gute Milchspeise auf dem Tisch zurückgelassen.

85. Auf die Jäger, die Störer des Alpenfriedens, hat es der Alberl besonders abgesehen. Einmal wollte ein Jäger in einer Almhütte, von der schon abgetrieben war, übernachten. Als er eben Feuer machte, hörte er ein Geräusch von Milchkannen in der Milchkammer. Er wollte hineinsehen, da flogen ihm aber die Milchstützeln entgegen. Jetzt wußte er, daß er es mit dem Alberl und nicht mit Wildschützen zu tun hatte und floh die Berglehne hinauf. Aber die Milchstützeln flogen ihm solange nach, bis er über die Grenze der Alm war. Als er am nächsten Tag zurückkehrte, war alles in Ordnung.

86. Zwei Jäger kamen zu einer Zeit, wo niemand mehr dort war, abends auf die Wollführeralm. Sie machten sichs bequem, der eine holte Wasser, der andere entzündete im Herdwinkel ein Feuer. Als er sich hinüberbückte, packte ihn etwas von hinten und versuchte ihn ins Feuer zu schieben. Der Jäger wehrte sich und schüttete dabei das Wasser aus, so daß das Feuer erlosch. Schließlich wurde er in den Brennholzwinkel geworfen und zerkratzte sich Gesicht und Hände. Er meinte, sein Kamerad habe ihm einen bösen Streich gespielt, der kam aber eben mit einem Wasserkrug herbei. Sie erkannten nun, daß der Alberl in der Hütte war, und konnten die ganze Nacht kein Auge schließen. Vom Geist aber nahmen sie nichts mehr wahr.

87. Zwei Schwaigerinnen hörten nachts den Alberl über ihrem Kopf und sahen Feuer durch die Dielen spritzen. Dies geschah wegen der Untat einer Schwaigerin, die ihr neugeborenes Kind zwischen der Hüttentür tot geklemmt hatte. Die Erscheinung hörte erst auf, als die Hüttentür durch eine neue ersetzt wurde.