8. Von den armen Seelen

1. Tote erscheinen, Menschen verschwinden

*1. Wenn sich zwei Personen das Versprechen geben, wer zuerst stirbt, solle dem anderen erscheinen, muß dies geschehen, denn Gott duldet nicht, daß ein Versprechen nicht erfüllt wird. Es muß aber gleich in der Nacht nach dem Tode sein.

2. Ein Auszügler in St. Veit i. M. hielt an dem alten Brauche des Heilgebens fest und grüßte jeden Menschen mit den Worten „Gelobt sei Jesus Christus“. Die jungen Leute verspotteten ihn dafür. Da machte er mit einem alten Stüblweibl aus, wer zuerst sterbe, solle das andere verständigen, ob das Heilgeben recht sei. Das Weibl starb früher und der Mann räumte sein Werkzeug in ihr Stübl. Als es er eines Tages holte, hörte er die Stimme des Stüblweibls heilgeben. Nun wußte er, daß es ein rechter Brauch war.

*3. Einmal versprachen sich ein Bursch und ein Mädchen, die ein Liebespaar waren, wer zuerst sterbe, solle dem anderen erscheinen. Der Bursche mußte in den Krieg und fiel. Um Mitternacht erschien er vor dem Kammerfenster des Mädchens und fragte, ob sie mitwolle. Er schwang sie auf ihr Ja zu sich auf seinen Schimmel. Mit Sturmeseile ging es dahin. Der Reiter fragte wiederholt:

„Es scheint der Mond so hell,
Es reiten die Toten so schnell,
Jungfrau, fürchtest du dir?“
Das Mädchen antwortete immer:
„Warum sollte ich fürchten mir,
Ich habe doch meinen Schatz bei mir.“

Schließlich ritten sie in einen Friedhof, der Schimmel hielt vor einem offenen Grabe und verschwand. Der Reiter stieg ins Grab und wollte das Mädchen am Fürtuchbande mitziehen. Sie riß sich los und flüchtete in das nächste Haus. Dort lag aber ein Toter und das Mädchen hörte schon die Stimme des Geliebten vor der Haustüre: „Toter gib mir die Lebende heraus.“ Der Tote erhob sich, doch eben begannen die Morgenglocken zu läuten und der Tote sank zurück. Auch das Grab am Friedhof war am nächsten Morgen geschlossen.

Ebenso trauerte ein Mädchen im Hausruck dem Geliebten, der im Felde stand, nach, und sagte, er werde um sie kommen, selbst wenn er tot sei. Nun holte sie der tote Liebste wirklich zum nächtlichen Ritte. Das Mädchen stürzte vor einem Haus vom Pferde, der erste Hahnenschrei rettete sie vor dem Toten. Zwei Jahre brauchte sie aber heim.

*4. Ein Soldat war in der Schlacht geblieben, sein Mädchen trauerte ihm nach, so daß er im Grabe keine Ruhe fand. Da kam er nachts auf einem Hirsch vor ihr Kammerfenster und hob sie zu sich. Mit Windeseile ging es dahin. Auf die Frage des Reiters erwiderte das Mädchen immer:

„Warum sollte ich fürchten mir,
Bist ja du bei mir.“

Vor mehreren Rasenhügeln hielten sie, der Reiter stieg in einen hinein und wollte das Mädchen nachziehen, sie wehrte sich, der Rasen schloß sich über dem Reiter. Am Morgen fand sich das Mädchen auf einem Friedhof in einem fremden Lande.

5. Der einzige Sohn des Ritters von Lichtenhag wurde von einem Turniere tödlich verwundet heimgebracht. Sein Freund Friedrich schickte um die Braut des Verunglückten nach Wien. Ehe sie kommen konnte, starb aber der Arme. Als ihm Friedrich in der ersten Nacht die Totenwache hielt, öffnete sich um Mitternacht die Tür, die Braut trat ein und auch der Verstorbene erhob ich, um ihr entgegenzugehen. Da schwanden Friedrich die Sinne. Als er wieder zu sich kam, war nichts Ungewöhnliches mehr festzustellen, von der Braut keine Spur zu finden. Über eine Weile kam die Nachricht aus Wien, daß sie zur selben Zeit gestorben war wie ihr Bräutigam.

6. Auf Waxeneck im unteren Mühlviertel lebten zur Hussitenzeit die Zwillingsbrüder Julius und Laßlo Prüschenk, die sich brüderlich liebten und einander so zugetan waren, daß sie gelobten, keiner wolle den anderen überleben. Die Hussiten überschwemmten das Mühlviertel und belagerten Klamm. Die Brüder wollten Entsatz bringen, beim Aufsteigen auf das Pferd stürzte aber Laßlo und zog sich eine so arge Wunde am Knie zu, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Julius führte seine Getreuen allein in den Kampf, in dem er nach heldenhafter Wehr den Tod fand. Laßlo wartete auf seinem Lager voll finsterer Ahnungen vergebens auf den Bruder. Als es Mitternacht schlug, stürzte sein Schwert zu Boden und ein Schatten glitt durchs Zimmer. Da wußte Laßlo, daß sein Bruder gefallen war. Im Schmerz riß er das Schwert vom Boden auf und stieß es sich in die Brust.

*7. Auf einem kleinen Schlosse bei Passau lebte Johann von Passau, der das Fluchen und Poltern nicht lassen konnte. Als seine Gattin starb und er nun ganz allein war, ging er in sich und bereute seine Art. Nachts erschien ihm seine Gattin und verkündete ihm, sie dürfe wieder ins Leben zurück und bei ihm bleiben, sobald er nicht fluche. Voll Freude gelobte es der Ritter; er wollte ihre Wiederkehr festlich feiern, als die Frau aber davon abriet, rief er „Verflucht!“ Ein Donnerschlag erfolgte, die Frau lag wieder als Leiche da. Zur Buße mußte Johann nach seinem Tode im Burggemäuer umgehen.

8. Ein Bauer starb und die Bäuerin konnte sich nicht trösten. Einmal saß sie recht traurig spät abends in der Stube. Da war ihr, als ob ihr Mann neben ihr wäre und sie tröste. Nun wußte sie, daß er sie auch in der anderen Welt nicht vergessen hatte. Am anderen Morgen saß sie noch beim Tisch und wußte nicht, wie die Zeit vergangen war.

9. Als die Franzosen in den napoleonischen Kriegen die Gegend von Gmunden besetzten, waren auch in Bühlesberg französische Soldaten einquartiert. Sie ließen es sich gut gehen, belästigten die Mädchen und beschworen dadurch die Eifersucht der Burschen herauf. Einmal wurde nachts ein Sergeant mit einem Kameraden auf dem Fußsteig von St. Konrad nach Bühlesberg von mehreren Burschen erschlagen und im Walde verscharrt. Seither geht in dem Bauernhaus Bühlesberg zu Zeiten die Tür nachts auf, der Sergeant tritt ein in blauem Schoßrock und ebensolchen Pantalons, das Käpi auf dem Kopf, stützt den Kopf auf beide Arme und blickt zum Fenster hinaus, ohne ein Wort zu sprechen. Ehe sich die Leute von ihrem Schreck erholt haben, erhebt er sich wieder und verschwindet.

10. Vor hundert Jahren starb der reiche Besitzer des Gasthauses Krone in Gmunden. In einer finsteren Nacht sah ihn der Nachtwächter deutlich vor der Tür seines Hauses stehen. Neben ihm saß ein kohlschwarzer Hund. In der nächsten Nacht sah er ihn wieder, aber Wirt und Hund waren viel größer. In der dritten Nacht reichte der Geist schon fast bis zur Dachrinne, der Hund war nicht viel kleiner. Der Nachtwächter lief heim, der Schreck warf ihn nieder, er konnte sich nicht mehr erholen und starb bald.

11. Ein Ehepaar lebte in stetem Unfrieden. Einmal sagte der Mann: „Wenn ich sterbe, sollst du mich auch dann noch fürchten, ich erscheine dir als Toter!“ Bald darauf starb er wirklich und wurde in der Stube aufgebahrt. Beim Nachtwachen waren die Nachbarsleute zugegen. Die Bäuerin setzte sich an die Türe, denn sie dachte an die Worte des Mannes. Als sie mit dem Beten fertig waren, erhob sich der Tote und trat auf die Bäuerin zu. Schreiend lief sie ins Freie, der Tote aber kam nur bis zur Dachtraufe, dort blieb er regungslos stehen und war nicht wegzubringen. Ein Geistlicher beschwor ihn und berührte ihn mit einem grünen Haselzweige. Bei der sechsten Berührung sagte der Tote: „Du hast keine Macht über mich, denn du hast als kleiner Bub deiner Mutter ein Ei gestohlen.“ Der Geistliche erwiderte: „Ich habe dafür eine Feder gekauft, um den Namen Jesu zu schreiben und habe den Diebstahl auch gebeichtet.“ Der Tote konnte jetzt nichts mehr sagen und der Geistliche setzte die Beschwörung fort. Erst bei der zwölften Berührung mit dem Haselzweige sank der Tote nieder. Wie er den Boden berührte, verschwand er, der Teufel fuhr mit ihm in die Erde.

12. Ein Mann in Gänsruck bei Gschwandt aß sehr gerne Leber und brachte täglich eine heim. Eines Tages aber kam er ohne Leber und die Frau war in größter Verlegenheit. Sie schnitt einem Gehängten die Leber aus und kochte sie. Da erschien aber der Gehängte und verlangte die Leber. Die erschrockene Frau rief ihren Mann zu Hilfe. Im selben Augenblick war der Gehängte verschwunden.

13. Ins Fuchsenhaus in Desselbrunn kam täglich eine Verwandte. Als sie gestorben war, saß sie einmal plötzlich auf ihrem alten Platz da. „Grüaß di Gott! Hau! Bist du da? Wie gehts da denn?“ fragte die Mutter. „I wirs da glei sågn!“ war die Antwort und gleich darauf fühlte die Mutter eine eiskalte Hand im Gesicht. Dann schlich die Gestalt weg. Der Vater, der auch bei Tisch saß, hatte gar nichts gesehen. 

14. Ein Fleischhauer in Naarn erschien nach seinem Tode einem guten Bekannten auf der Straße, überholte ihn und verschwand im Bieberhofer Wirtshause. Als der Mann nacheilte, war das Wirtshaus völlig leer, wie er aber herauskam, war der Geist wieder vor ihm und verschwand beim Hiesl-Auer. Im selben Jahr erschien er nochmals, während der Mette sahen ihn die Leute auf einem Fenster des Bäckerhauses sitzen.

15. Ein Mann ging nachts durch das Osterlohner Hölzl. Er hatte einen frischen Felberstecken in der Hand und einen scharfen Hund bei sich. Auf einmal lief etwas hinter ihnen her, wie wenn ein Pferd trabte. Dem Manne stiegen die Haare zu Berge und der Hund winselte. Zur selben Zeit begegnete ein Mann von Ernsting dem Wirte in Weyer, der am selben Tag verstorben war.

16. Eine Bäuerin in Naarn erschien bald nach ihrem Tode ihren beiden Mägden in der Kammer und sagte: „Jå, tats es går nix für mi?“ Da begannen die Mägde zu schlafen und der Geist verschwand. In der nächsten Nacht erschien die Bäuerin wieder und machte sich beim Ofen zu schaffen. Doch die Mägde stellten sich schlafend und sie verschwand. Als sie in der dritten Nacht wieder kam, kreischten die beiden Dirnen: „Schau, daß ’d aussi kimmst, wir wolln schlåfn!“ Die Bäuerin verschwand und kam nimmer wieder.

17. Zwei Ebenseer Holzknechte schnitten einen Baum um. Der eine sagte ungeduldig: „So fall doch endlich um.“ Der andere erwiderte: „Sag doch wenigstens dazu: Wenn es Gottes Wille ist.“ Der Holzknecht aber meinte: „Das ist mir ganz gleich, ob es Gottes Wille ist oder nicht.“ Darauf fiel der Baum wirklich um und erschlug den Holzknecht, der gelästert hatte. Der andere trug die Leiche zur Hütte und deckte sie mit einem Kotzen zu. Nach einer Weile bemerkte er aber, daß die Leiche an dem Kotzen herumbiß; er sagte: „Ich habe geglaubt, du bist tot und jetzt frißt du den Kotzen.“ Darauf sagte die Leiche: „Erst friß ich den Kotzen, dann dich.“ Da ging dem Holzknecht das Grausen an und er eilte, so schnell er konnte, gegen Steinkogel. Der Tote folgte ihm auf den Fersen, um ihn zu erwürgen. Der Verfolgte erreichte das Kreuz beim Mariengasthaus und umklammerte es. Im selben Augenblick war der Tote verschwunden. Seitdem spukt es in der Dürrnleiten. die Holzstube bekam den Namen „Kotzenfresserstube“.

*18. Ein Wirt war wegen seiner maßlosen Strenge auch in den kleinsten Dingen bekannt, nur einem Fleischhackergesellen tat er alles Gute an. Als der Wirt starb, wollte niemand bei dem so strengen Mann wachen, sogar die Wirtin ging am Abend mit ihren Kindern fort. Der Fleischhacker begegnete ihr und erklärte sich bereit, beim Wirt zu wachen, er nahm die Schlüssel, sperrte das Wirtshaus auf, zündete sich ein Licht an, aß und trank, dann setzte er sich mit einem heiligen Buch zum Tisch. Sein großer Hund legte sich unter den Tisch, alles war ruhig. Als es aber 11 Uhr schlug, erhob sich der Tote, der auf der Bank lag, Feuer fuhr ihm aus Nase und Mund, er sprang auf den Fleischhauer los. Dieser entkam durch das Fenster, sein Hund aber konnte nicht schnell genug nach und wurde unter Geheul zerrissen. Am anderen Tag war der Wirt verschwunden, der Teufel hatte ihn geholt.

19. Ein Leinenwandhändler bot in einem Bauernhaus in Salchenöd bei Königswiesen seine Waren feil, brachte aber nichts an. Er ging weiter zum nächsten Bauernhause und die Leute sahen ihm nach. Plötzlich war er verschwunden. Sie liefen hin und fanden bloß ein Häuflein Asche wie von einem Stück Leinwand. Als sie im Nachbarhaus nachfragten, wußte man dort nichts von einem Leinwandmann.

20. Der alte Müller in Aspach verschwand spurlos, seither spukt es im Kuhdoblerholz. Die Leute weichen ihm daher nachts lieber aus.

21. Zwei Schwestern gingen am Osterbeichttag nach St. Georgen im Attergau. Eine lief um ihr Gebetbuch zurück, verschwand aber spurlos. Nach vielen Jahren sah man sie mit einer Scheibtruhe und einer Schaufel fahren.

22. Eine Bauernstochter in Hagenberg hatte seltsame Zustände. Sie verschwand plötzlich aus dem Zimmer und kam erst wieder nach einigen Tagen zum Vorschein, ohne daß sie selbst wußte, was mit ihr gewesen war. Sie wurde zum Arzt nach Steyregg gebracht und in ein Zimmer eingeschlossen. Trotzdem verschwand sie, nur ihre Schlapfen standen am Fußboden. Nach einigen Tagen aber war sie matt, abgespannt und bleich wieder im Zimmer. Niemand konnte sich diese „Verzuckung“ erklären.