Der Hohe Stein – Das Wasserfräulein in der Schwarzlache

Burg Rottenegg in St. Gotthard im Mühlkreis (Oberösterreich) auf einem Stich von M. Vischer 1674.

Autor: Leopold Sieß
 
Da, wo abseits der Ortschaft Walding die Straße nach Rottenegg geht und der Abhang einer Bergeskuppe an das linke Ufer des Rodelflusses stoßt, ragt der Hohe Stein wie ein Wahrzeichen in die anmutige Landschaft. Dieser Steinkogel erhielt durch Sprengung die jetzige Form, um der Eisenbahn und der Straße (die früher über die Anhöhe lief) ebenen Durchlaß zu verschaffen. Jene einst steile Straße war es, wo die Fuhrleute, wenn sie mit ihrem Gespann nicht vorwärts kamen, durch wildes Fluchen den Teufel anlockten. Hier hat er auch – der Sage nach – sich sogar am hellichten Tag blicken lassen, nach Sonnenuntergang aber den Fuhrleuten mancherlei Bosheiten angetan: er spannte ihnen das linke ziehende Pferd aus oder ritt es oder drehte vom Wagen links die Räder ab. Gegenwärtig ist der Hohe Stein eine Stätte religiöser Andacht geworden. – Gegenüber dem Hohen Stein liegt nahe beim Riedelhäuschen die sogenannte Schwarzlache. Einer noch fest wurzelnden Überlieferung nach ist die Schwarzlache vor alten Zeiten mit dem Meere (!) in Verbindung, daher von unergründlicher Tiefe gewesen. Bei Hochwasser trieb die Rodel viel Sand hinein und der mag wohl die Verbindung gestört haben. von der Schwarzlache geht die uralte Sage, daß darinnen ein Wasserfräulein von unvergleichbarer Schönheit hauste. Eines Morgens, so wird erzählt, stieg das Wasserfräulein aus der Lache,, die mit Eichenbäumen dicht umklammert war und verweilte drei Tage bei den Bewohnern. Weil es aber die Menschen nicht fand, die es zu suchen vorgab, wurde es traurig und verlangte wieder in das Wasser zurück. Man begleitete es dorthin. Das Wasserfräulein sagte zum Abschied: „Wenn ich mich in das Wasser stürze und es wirft keine Wellen, dann komme ich bald wieder und ihr werdet mich liebgewinnen; zischt es aber hoch auf und es färbt sich rot, so bin ich für euch verloren und ihr seht mich nie mehr wieder!“ Die Wellen schlugen hoch über das Wasserfräulein zusammen – nur die alte Sage davon lebt noch im Volke fort.

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